MILES (MEILEN)

Einzelausstellung

8. April - 14. Mai 2022

Heliumcowboy artspace - Hamburg

 

 

Es ist, was es ist: Erden, zermahlener Ziegelstein, Kalk, Asche und Ruß…. „_MILES“ ist eine Beschreibung der Strukturen und der Oberflächlichkeit unserer Welt. Satellitenbilder – realistisch, abstrakt, topografisch.

Sobald Fotos aus dem Weltall auftauchen, scheinen diese bereits problematische Substrate und Essenzen in sich zu bergen: Saurer Regen, verkalkte, ausgelaugte und erodierende Böden, Versalzungen, Hitzefelder, Verkarstungen, Erosionen, Rodungen und Verwüstungen. Genau das ist es, was Jens Rausch malerisch, prozesshaft und materiell interessiert und womit er sich in seinen Werken beschäftigt. Er erschafft innerhalb dieses Sujets Werke voller Experimentierfreude, die der Maler, wie er selbst sagt, ‚zur Entspannung‘ neben seinen anderen Werkserien aus dem Material schürft, (auf-)schichtet, erodiert, oxidiert, verströmt oder verwirbelt.

Jedes Werk wird anhand einer ureigenen Bildidee geschaffen. Dabei gibt Jens Rausch den Werken Titel, die doch eher die jeweiligen Prozesse beschreiben und die er als eine Art Arbeitsanleitung seines handwerklichen Tuns versteht: Senken, Erdgeschichte, Verwirbelungen, Strömungen. Diese Mehrdeutigkeit zeigt sich beispielsweise im Werk mit dem Titel „Strom“, die einen Flusslauf in einer Art nächtlichen Aufsicht zeigt. Mit schimmerndem Blattgold und dadurch an eine Leiterplatte erinnernd, entsteht eine Lichtsituation, die materiell wie metaphysisch für die Energieflüsse unserer Zeit stehen und gleichzeitig dem natürlichen Flussverlauf gegenübergestellt wird.

 

Generell bleibt es in Jens Rauschs neuen Bildwelten jedoch oft vage, ob es sich beispielsweise bei den Wolkenformationen um industrielle Emissionen, Brände oder natürliche Nebelschwaden handelt, ob die Strukturen also einem künstlichen, menschengemachten Ursprung sind, oder aber ob sie eines natürlichen Ursprungs entstammen. Als Maler überführt er hier die Abstraktion in die Realität: Der mitunter dunstig aufgetragene Wolkenschleier verweist darauf, dass hier nicht die Abstraktion bloß durch Zufall, Material und strukturelle Eigenschaften generiert wurde, sondern dass sich hier eine konkrete Bildinformation handelt.

 

Und genau so arbeitet Jens Rausch: Er löst viele der Prozesse künstlich-künstlerisch aus, generiert – wie sonst auch – immer wieder den Zufall und bezieht sich fortlaufend malerisch darauf, schärft dabei das Prozesshafte und einzelne Partien teils akribisch aus. Jene Prozesse haben ihren Ursprung in einer Art Urmasse, die der Künstler teils modellierend auf die Leinwand bringt, malt, verklebt, montiert und anschließend beispielsweise wortwörtlich durchkämmt, laugt, ätzt, abschichtet oder eben abwäscht, den natürlichen Auswaschungen und Erosionen gleich. Dies geschieht entsprechender Weise eben mit einem Kamm, einem anderem durchforstendem oder aufschichtendem Gerät. Er bricht die Leinwand bzw. strukturierten Material-Massen immer wieder neu auf und erschafft damit Erosionen, „Erdrisse“ und Abschürfungen. Der wahrhaften Erdgeschichte gleich, (re-)interpretiert bzw. transformiert Jens Rausch somit materialbedingt seine Werke, führt uns darin das künstliche und menschengemachte vor Augen und lässt es so wortwörtlich begreifbar werden. Denn diese Schürfungen, Grate und Höhungen lassen sich wunderbar strukturell und äußerst haptisch erfassen.

 

Jens Rausch deutet in seiner neuen Werkserie „_MILES“ auf Szenerien einer Welt hin, die im Bildausschnitt immer wieder deutlich katastrophale Entwicklungen in sich bergen. Was von weit weg und im Kleinen also friedlich und ästhetisch wirkt, zeigt in Wahrheit desaströse Umweltentwicklungen: Eisen-Verschlammungen, Rodungen, mineralische Schürfungen, Zersiedelung, Verödung, den Entzug natürlicher Ressourcen. Aber auch Begrenzungen und Grenzziehungen, sozial und politisch, fließen in die Arbeiten des Künstlers ein, und tauchen in seinen Werken immer wieder auf. Dadurch schafft Jens Rausch mit seinen Landschaftsgebilden nicht zuletzt eine Art bildliche Beschreibung einer beständigen Veränderung und Fragilität bzw. Brüchigkeit unserer habituellen Oberfläche.

 

Im Rahmen der Einzelausstellung „_MILES“ zeigt Jens Rausch jene Arbeiten teils auf dem Boden liegend arrangiert als eine Art Landkarte, gar als ein „eklektizistisches“ Mindmapping, zu dem Betrachtende trotz des recht großen Abstraktionsgrads der Malerei Zugang erfahren. Nicht zuletzt durch die Erkenntnisbrille seiner eigenen Erfahrungen und in der eigenen inneren Verortung einer Erdansicht von Oben. Jens Rauschs Werk wechselt mehrfach und auf vielerlei Ebenen unsere Blickrichtung und stellt damit die Perspektiven auf eine uns bisher bekannte Welt im wahrsten Sinne sowohl materiell wie auch metaphysisch auf den Kopf.