Das Polyphenyl-Experiment


Was keiner weiss, ich habe es getan: Das Polypphenyl-Experiment: Einen ganzen Monat Leben ohne Plastik. Kein Plastik einkaufen und schon gar keines konsumieren. Und das meine ich wortwörtlich, denn spätestens, als ich feststelle wie sehr schon der „Lack“ meines teflonbeschichteten Milchtopfes aufgegessen ist, machte ich mir erneut Sorgen, wie sehr meine inneren Organe „plastiniert“ sein könnten. Nun, um es vorweg zu nehmen: Ja, ich kaufe wieder Plastik und das nicht etwa aus Überzeugung, sondern aus schlichter Notwendigkeit. Ein Leben ohne Plastik ist nicht unmöglich, aber sehr, sehr anstrengend und kostet neben Zeit und Energie zumeist auch etwas mehr Geld und könnte die Toilette verstopfen.
Die Fußwege waren stets lang, denn bis ich meine regulären Einkäufe zusammen hatte, war ich in Kombination bei Penny, ALDI, Rossmann und Schlecker, im Bioladen, bei LIDL, EDEKA und REWE. Die Auswahl ist ja bekanntlich riesig, die plastikfreien Chancen damit groß, doch die Plastikfallen lauern überall:
Der erste Schritt schien leicht. Ich kaufe einfach nichts mehr ein, was Plastik hat. Hier steckt der Teufel im Detail. Hat denn ein Tetrapack Plastik – klar, es gibt ja diese Plastikschutzschicht im Inneren und ach ja klar, diese Lasche und der Plastikschraubverschluss – ne, geht also nicht. Milch aus der Glasflasche, Joghurt aus dem Glas. Nur looses Obst und Gemüse – immer rein in den selbst mitgebrachten Rucksack. Komisch, die eingeschweissten Bananen.... und die Ananas mit angetackertem Plastik-Herkunftsschild an der Blätterkrone. Wurstwaren ohne Plastik – keine Chance !!! Also wird’s wohl eine vegetarische Zeit. Macht ja nichts. Und der Käse? Nunja, meistens hat auch der eine Plastikschutzschicht und damit meine ich nicht nur den Käserand. Bei ALDI gibt’s Ziegenkäse ganz in Papier. Das sieht bei näherer Betrachtung fast schon nostalgisch aus. Wie er da so drinliegt: In Papier eingeschlagen und festgeklemmt in seiner Pappunterlage.
Fisch? - nur frisch. Da sollte man sich vorher überlegen, ob man nicht doch etwas von zu Hause mitnimmt, um dann später auf die Plastiktüte zu verzichten. Das Papier wird doch recht schnell matschig und so ́n ausgelaufener Fisch im Rucksack kann ja eben ganz schnell riechen...
Auf die Dauer kann ich zum süßen Frühstück auf ́s Nutella verzichten. Honig im Glas ohne Plastikdeckel und Marmelade tun ́s für eine Zeit auch. Müsli außen im Karton, innen in Plastiktüte weicht der alten Kölln-Flocken Tüte aus Papier. Aber was herzhaftes wäre auch mal nett. Und ich mag nicht dauerhaft nur den ALDI- Ziegenkäse essen. Mir war mal wieder nach einem wirklich guten Stück Käse, das frisch bei EDEKA kaufen wollte. Hier musste ich feststellen, dass auch hier die gute alte Käsetheke zunehmend der Frischhalteverpackungsabteilung mit Fertigzuschnitten weicht. Das durfte nicht sein – und so warte ich geduldig auf die scheinbar nette Käsefachverkäuferin, die nebenan Käseabschnitte in Plastik hüllt. Als ich diese in Kürze in mein Experiment „kein Plastik, bitte“ eingeweiht hatte, wickelte sie den in Frischhaltefolie verpackten Käseleib aus, schneidet ein Stück davon ab, verpackt es in Wachspapier (das war der Grund meines Kommens), um es anschließend in einer Plastiktüte zu versenken. Ich weise sie - aufmerksam wie ich in dem Moment bin – erneut auf meine anfänglichen Worte hin auf Plastik verzichten zu wollen. Sie zeigt sich entrüstet. Entgegnet, dass sie die Ware so nicht verkaufen könne...- hä???? ...“weil das Preisetikett nicht auf dem Wachspapier klebt“ - „das geht schon!“. Mit diesen Worten nehme ich ihr alle Verantwortung für ihr wirklich unüberlegtes Handeln ab. Aber sie will mich fortan nicht weiter bedienen, wird patzig und höchst unfreundlich. Ich gehe dennoch zufrieden, da erfolgreich und zahle an der Kasse ohne Probleme – ganz ohne Plastik.
So langsam wird mein Bestand an `türkischen ́ Plastiktüten zur Müllentsorgung knapp. Hmm, tja es gibt Mülltüten aus Papier. Der Espresso ist fast all - mh, dann muss es also der teure in der Blechdose sein. Richtig schwer wird’s jedoch mit Hygieneartikeln. Hier geht’s fast nichts ohne PVC und Co. Stichwort Zahnbürste: Mein Altbestand muss bald gewechselt werden. Soll ich dann eine Wurzelbürste nehmen? Erstmal geht die ja auch noch ...und Zahnpasta?, also die gute alte „Ajola“ - war kürzlich, so glaube ich noch in einer Blechtube. Das ginge also zur Not. Aber das Toilettenpapier entwickelt sich zu einem echten Problem. Alles hat diese Plastikumverpackung mit praktischem Tragegriff. Ich erinnere mich, dass es mal ein Zweierpack Klorollen in Papierverpackung gab – wo hatte ich das mal gesehen? Bei Rossmann, bei Schlecker ? Ach ne, Schlecker ist ja jetzt Pleite und Rossmann hat ́s nicht. Budnikowski ? Nein - auch hier leider nicht. Na gut, dann sind es eben die zarten Taschentücher im Papierkarton, den die Gäste in einer Talkshow gereicht bekommen, wenn Tränen fließen. Es kämen ja noch die Papierhandtücher im gleichen Regal in Frage. Die sind mit einer Papiermanschette ummantelt. Das ginge. Es sind allerdings diese grauen. Sie sind hart und eben grau und grau und hart und hart und rauh und sie werden mich immer wieder an meine Grundschule erinnern. Und passt man nicht auf, muss bestimmt der Klempner her, weil das Toilettenrohr verstopft ist. Wie oft kann man das nämlich auf öffentlichen Toiletten lesen: „Bitte keine Papierhandtücher in die Toilette werfen!“.
Ich entscheide mich für die Softies und ärgere mich zu Hause über die Entdeckung einer Plastikrausziehwulst. - Pah, schon wieder reingefallen !
Nun male ich in letzter Zeit sehr viel und brauche Keilrahmen für eine neue Leinwand. Im Künstlerfachgeschäft versteht man mein Experiment. Teilt es mit großen Interesse und schimpft auf die Ölindustrie , die EU- Verordnungen und das Unvermögen der Politik, dem Plastiktreiben endlich Einhalt zu gewähren. Doch noch bevor ich „nein, bitte kein Plastik sagen kann“ sind die Keilrahmen während der
angeregten Diskussion mit festsitzenden PVC-Packetband fixiert. Danke!
Nun, wie gesagt, mein Experiment ist beendet. Ich bin nicht gescheitert, sondern nur müde. Meine Erdbeeren liegen ab heute wieder in einer Plastikschale, weil einen ganzen Euro billiger und die Milch kaufe ich wegen der schweren Glasflasche nun auch wieder im Tetrapack mit praktischem Ingenieurplastik-Drehverschlus zur Selbstöffnung beim Drehen. Wenn ich mich nicht ganz irre, könnte man die Theorie entwickeln, dass zumeist Markenprodukte bzw. hochwertigere Ware auf Plastik zu verzichten scheinen - vielleicht jetzt nicht unbedingt an der EDEKA Käsetheke.
Ja, ich bekenne: Ich lebe jetzt wieder mit meinem Plastik. Aber ich erschrecke jedesmal erneut, wenn die Verkäuferin beim Türken um die Ecke, für jede Obst- und Gemüsesorte Unmengen der zusammengeschweissten Tüten auseinander reisst, um sie dem Kunden freundlich auf die frisch eingekaufte Ware zu legen.

© Jens Rausch, 2012